Gender Unterschiede, ADHS und Neuronormativität

Die Welt um uns herum wird immer komplexer. Während früher die körperliche Arbeit mehr im Vordergrund stand, wurde diese von der intellektuellen Arbeit immer mehr verdrängt. Damit einhergehend sind auch die Anforderungen an die Menschen gestiegen. Die Schattenseite dieses Wandels ist, dass Burnout, ADHS und Rückenprobleme zu Epidemien in den westlichen Ländern geworden sind.

In der Gesellschaft ist ein immer größerer Druck entstanden, sich den gegebenen Bedingungen vor allem auch in Schule und Arbeit anzupassen. Ein aufmerksames, konzentriertes, zugewandtes, ruhiges, wohlerzogenes, freundliches und zielführendes Verhalten ist verlangt, damit Menschen in dieser Gesellschaft bestehen können. Menschen, die von dieser Neuronormativität abweichen, haben eine schwere Zeit, weil sie diesem Anpassungsdruck nicht stand halten können: sich anders und verloren fühlen.

Besonders Mädchen zeigen nicht die typischen Symptome einer ADHS, sondern eher „Unaufmerksamkeit, Tagträumerei und nach innen gerichtete Probleme wie Angstzustände und Depressionen. Dabei haben sie häufig größere Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation als Jungen.“ (Butura, 2026: 26). Bei Jungen ist der Klassenclown oder der Zappelphilipp schneller erkennbar: sie zeigen mehr Hyperaktivität und Impulsivität als die Mädchen. Studien belegen, dass ADHS von Eltern und Lehrer:innen bei Jungen häufiger erkannt wird als bei den Mädchen.

„Darüber hinaus kann es vorkommen, dass Mädchen, die Symptome von Angstzuständen oder Depressionen zeigen, wegen dieser Beschwerden behandelt werden, während ADHS weiterhin unberücksichtigt bleibt. Eine hohe Energie oder Impulsivität bei Mädchen kann zudem fälschlicherweise Stimmungsstörungen wie einer bipolaren Störung zugeschrieben werden, da emotionale und stimmungsbezogene Probleme häufig eher mit weiblichen Verhaltenserwartungen in Verbindung gebracht werden (Quinn, 2005; Waite, 200)“ (Butura, 2026: 30).

Das fehlende Erkennen der Symptomatik bei Mädchen kann dazu führen, dass Mädchen und Frauen weniger Unterstützung erhalten, sowohl in der Schule als auch vom medizinischen System, was den Leidensdruck weiter verschärfen kann (ebd.). Um nicht Aufzufallen „kommt es zu Anpassungsstrategien wie der Maskierung. Bei der Anwendung von Maskierungsstrategien werden erhebliche Mengen an kognitiven und emotionalen Ressourcen darin investiert, als nicht-abweichend wahrgenommen zu werden (Mylett, 2022; Norton, 2022). Zudem sind Mädchen und Frauen aufgrund der für sie geltenden gesellschaftlicher Normen einem höheren Risiko für soziale Bewertung ausgesetzt (Holthe, 2013), weshalb weibliche Personen mehr als männliche Personen maskieren und viel Energie in das Verbergen ihrer ADHS-Symptome investieren (Waite, 2010).“ (Zwick, 2025: 27).

Problematisch bisher ist, dass gängige Testverfahren eine ADHS messen, die auf den Symptomen basiert, wie sie vor allem von Jungen gezeigt werden. So kann es sein, dass bei den Mädchen zwar eine maskierte ADHS vorliegt, aber in den Testverfahren die Werte nicht ausreichen, um eine ADHS zu diagnostizieren.

 

 

Literatur:

Butura, Ana-Maria (2026). ADHD in Girls and Women: The Significance of Subjective Perceptions, Inner Experiences, Context-Specific Symptoms, and Masking. https://kclpure.kcl.ac.uk/ws/portalfiles/portal/333427159/2025_Butura_Ana-Maria_1533051_ethesis.pdf  (Abruf 10.10.2026)

Zwick, Fabienne (2025). Die Maskierung von ADHS-Symptomen bei Mädchen und Frauen: Ihre Rolle im Prozess der systematischen Unterdiagnose und ihre Implikationen für den Arbeitskontext.  

https://www.researchgate.net/profile/Fabienne-Zwick/publication/412218684_Die_Maskierung_von_ADHS-Symptomen_bei_Madchen_und_Frauen_Ihre_Rolle_im_Prozess_der_systematischen_Unterdiagnose_und_ihre_Implikationen_fur_den_Arbeitskontext/links/6a7da03bb00fce3bf26f6793/Die-Maskierung-von-ADHS-Symptomen-bei-Maedchen-und-Frauen-Ihre-Rolle-im-Prozess-der-systematischen-Unterdiagnose-und-ihre-Implikationen-fuer-den-Arbeitskontext.pdf (Abruf 10.101.2026)

 

Image (2026) https://www.magnific.com

 

10/2026